FBI-Informant leitete den Dark-Web-Drogenmarkt und ermöglichte jahrelang den Verkauf von Fentanyl

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Der Dark-Web-Marktplatz Incognito, der 2024 geschlossen wurde, nachdem er Drogenverkäufe im Wert von über 100 Millionen US-Dollar ermöglicht hatte, wurde nicht nur von den Strafverfolgungsbehörden überwacht; es wurde aktiv mit Hilfe eines FBI-Informanten betrieben. Diese Enthüllung kam während der Urteilsanhörung gegen Lin Rui-Siang, den verurteilten Administrator der Website, zutage, der eine 30-jährige Haftstrafe erhielt. Der Informant, der als „vertrauliche menschliche Quelle“ beschrieben wurde, besaß Moderatorenprivilegien und erlaubte angeblich den Verkauf von mit Fentanyl versetzten Medikamenten, obwohl die Marktregeln diese verbieten.

In diesem Fall geht es nicht nur um einen Dark-Web-Drogendealer. Es zeigt, wie verdeckte Operationen unbeabsichtigt Schaden anrichten können, wenn die Aufsicht versagt. Die Rolle des FBI wirft Fragen über die Ethik auf, einen illegalen Markt unter Überwachung funktionieren zu lassen, insbesondere wenn Leben in Gefahr sind.

Der Fall der Fentanyl-Pillen von Reed Churchill und Incognito

David Churchill, dessen 27-jähriger Sohn Reed starb, nachdem er über Incognito gekaufte, mit Fentanyl versetzte Pillen eingenommen hatte, sagte bei Lins Urteilsverkündung aus. Er beschrieb, dass er seinen Sohn „kalt, tot und steif“ vorfand. Die als Oxycodon vermarkteten Pillen gehörten zu den Tausenden Pfund illegaler Drogen, die auf der Plattform verkauft wurden. Was Churchill erst nach der Urteilsverkündung wusste, war, dass genau der Ort, an dem sein Sohn getötet wurde, teilweise vom FBI betrieben wurde.

Die Verteidigung argumentierte, dass der Informant nicht nur beobachtete; Sie waren ein aktiver Partner und trafen Entscheidungen darüber, welche Anbieter online blieben und welche entfernt wurden. Lin selbst behauptet, der Informant habe „95 Prozent“ der Transaktionen der Website kontrolliert. Während die Staatsanwaltschaft darauf beharrt, dass der Informant auf Befehl von Lin gehandelt habe, legte die Verteidigung Beweise vor, die das Gegenteil nahelegten: Der Informant traf Entscheidungen, die den Fentanyl-Verkauf auch nach Warnungen vor verunreinigten Produkten weiterhin erlaubten.

Die Aktionen des Informanten: Warnungen ignoriert

Aufzeichnungen zeigen, dass im November 2023 ein Incognito-Benutzer einen Händler meldete, der mit Fentanyl versetzte Pillen verkaufte, der seine Mutter ins Krankenhaus brachte. Der Informant erstattete die Transaktion, ergriff jedoch keine weiteren Maßnahmen gegen den Verkäufer. Einen Monat später berichtete ein anderer Benutzer, dass er durch die Produkte desselben Händlers beinahe gestorben wäre, doch der Informant ließ erneut zu, dass der Verkauf monatelang fortgesetzt wurde.

Incognito verfügte sogar über ein System zur Kennzeichnung potenzieller Fentanyl-Einträge, doch der Informant soll diese Warnungen mehrfach ignoriert haben, darunter auch für RedLightLabs – den Verkäufer, der die tödlichen Pillen an Reed Churchill verkaufte. Obwohl der Zeitpunkt unklar bleibt, argumentiert die Verteidigung, dass die Untätigkeit des Informanten direkt zum Tod mehrerer Benutzer beigetragen habe.

Ein skeptischer Richter und offene Fragen

Während Richterin Colleen McMahon Lin zu 30 Jahren Haft verurteilte, äußerte sie Skepsis gegenüber dem Zeitplan und dem Umfang der Beteiligung des FBI. Sie erkannte den Informanten als „FBI-Aktivist“ an, behauptete jedoch, Lin sei weiterhin für den Gesamtbetrieb der Website verantwortlich.

Der Fall wirft kritische Fragen auf: Warum ließ das FBI Incognito fast vier Jahre lang mit einem bekannten Fentanylproblem operieren? Warum hat der Informant Anbieter, die verdorbene Produkte verkaufen, nicht entfernt? Erfolgte die Anwesenheit des Informanten lediglich zur Informationsbeschaffung, oder trugen bürokratische Trägheit und Risikoaversion zu vermeidbaren Todesfällen bei?

„Der Informant hätte einfach die Aufgabe erfüllen können, die ihm übertragen wurde, nämlich zum Teil darin zu bestehen, Fentanyl von der Baustelle fernzuhalten“, sagte Lins Anwalt Noam Biale. „Das hätte die Tarnung des FBI nicht auffliegen lassen. Und es hätte Leben retten können.“

Das FBI lehnte eine Stellungnahme ab und ließ das volle Ausmaß seiner Beteiligung geheim. Gegen den Fall wird derzeit Berufung eingelegt. Lins Verteidigung beruft sich auf diplomatische Immunität aufgrund seiner früheren Anstellung beim taiwanesischen Konsulat.

Dieser Fall ist eine deutliche Erinnerung daran, dass verdeckte Einsätze zwar wertvoll für die Strafverfolgung, aber auch mit Risiken verbunden sind. Wenn Informanten ohne ausreichende Aufsicht Autorität erhalten, verschwimmt die Grenze zwischen Ermittlung und Mittäterschaft, was möglicherweise tödliche Folgen hat.